Das wechselhafte Aprilwetter hat den Wanderlichs zu Ostern einen Strich durch die Rechnung gemacht und ihnen statt dem ursprünglich geplanten Weitwanderweg einen Ausflug in die Therme beschert. Keine schlechte Alternative, noch dazu in einer schönen Gegend und mit bester Versorgungslage.
Die Weinstadt Retz befindet sich im Bezirk Hollabrunn, nahe der tschechischen Grenze – genauer gesagt zwölf Kilometer von Znaim entfernt. Ihr Hauptplatz ist einer der schönsten und größten in Österreich. Schaut man sich die Kulisse an, wie etwa das Verderberhaus im venezianischen Renaissancestil, die mittelalterlichen Stadtmauern oder die Barock- und Biedermeierbauten, fühlt man sich fast wie auf einer südländischen Piazza.
Direkt unter dem Hauptplatz befindet sich mit dem „Retzer Erlebniskeller“ der mächtigste Weinkeller Mitteleuropas. 21 Kilometer lang und 30 Meter tief ist dieses zusammenhängende Kellerlabyrinth, in dem noch bis vor siebzig Jahren ein Großteil der Weinbestände der Gegend gelagert wurden. Retz ist zudem Mitgliedsgemeinde der „Weinstraße Weinviertel“, wo sich auf einem Gebiet von 132 Kilometern eine der größten Weinlandschaften Österreichs erschließt.
Ein gutes Gläschen Wein ist also bei einem Besuch in Retz garantiert. Anreisen könnte man mit der nostalgischen Erlebnisbahn „Reblaus Express“. Der Zug pendelt nämlich gemächlich auf 40 Kilometern zwischen Retz und Drosendorf, also den sonnenverwöhnten Winzergärten des Weinviertels und den stillen Wäldern und Teichen des Waldviertels. Das Fahrrad kann man kostenlos mitnehmen, während sich die Zugfahrt im Heurigenwaggon feucht-fröhlich verbringen lässt.
Wanderlichs entschieden sich für die private Anreise, da sie ja thermentaugliche Utensilien im Gepäck tragen mussten und auch für die ein oder andere Wanderung gerüstet sein wollten. Diese boten sich auch gleich direkt von ihrem Quartier aus an, dem Althof Retz, der heute an der Stelle der ehemaligen, von den Hussiten zerstörten Burg von Graf Rabenswalde steht.
Zunächst wollten die beiden den beeindruckenden Hauptplatz mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten besuchen. Etwa den alten Pranger, die Dreifaltigkeitssäule oder das Verderberhaus aus dem Jahr 1583, das seinen Namen jener Familie verdankt, welche das Haus 1848 erwarb. Auch das 1576 errichtete Sgraffitohaus, dessen übermalte Bilder 1928 wiederentdeckt und freigelegt wurden, ist eine nähere Betrachtung wert.
Die denkmalgeschützte Stadtmauer von Retz ist ebenfalls sehr beeindruckend. Ein Zwinger, ein massives Mauerwerk und ein Graben – der allerdings nie mit Wasser gefüllt war – schützten die Stadt. Beide Stadttore – das Znaimertor im Norden, wo seit dem Jahr 1300 die Maut behoben wurde, und das Nalbertor im Süden – sind bis heute erhalten. Die Vorwerke der Tore sowie der Ostteil der Mauer wurden im 19. Jahrhundert geschliffen und für den Straßenbau verwendet.
Hier erstrecken sich heute der Stadtpark und das Schloss Gatterburg aus dem 15. Jahrhundert. Die barockisierte Stadtburg beheimatet auch das hiesige Fahrradmuseum, welches vom 1998 gegründeten Verein „sFahrradl im Schloss“ betrieben wird. Zweiradbegeisterte können das Museum von Mai bis Oktober täglich von 14-17 Uhr beziehungsweise gegen Voranmeldung jederzeit besuchen.
Das eigentliche Wahrzeichen von Retz ist aber das sonnengelbe Rathaus mit seinem mächtigen Turm. Das Bauwerk beruht auf einer gotischen Kapelle, deren Umbau aus finanziellen Gründen ins Stocken geriet und später von der Stadtverwaltung als Gebäude, das ein Rathaus und eine Kapelle beheimatet, fertiggestellt wurde. Der Weg zur Türmer- bzw. ehemaligen Wächterstube führt über eine schmale Wendeltreppe mit 128 Stufen auf eine Höhe von 30 Metern. Hier oben kann man den Blick wunderbar über die Dächer der Stadt schweifen lassen.
Herr und Frau Wanderlich beschlossen auch noch die umliegende Gegend zu erkunden, denn eine weitere Besonderheit in Retz ist die einzige betriebsfähige, vollständig eingerichtete Windmühle in Österreich, die weithin sichtbar auf dem Hügel hinter der Stadt liegt. Ein ausgeschilderter Fußweg führt vom Zentrum über die Windmühlgasse in die Weinberge hinauf.
Die erste Windmühle aus dem Jahr 1772 war aus Holz gefertigt, später kam eine zweite aus Stein dazu, die aber nur noch als Wohnhaus dient. 1831 wurde die hölzerne Mühle abgetragen und durch die heutige ersetzt. Von Johannes Tobias Bergmann 1853 erbaut, hat man diese dann nach Jahrzehnten einträglicher Mahlarbeit 1924 stillgelegt. Nachdem sie jedoch von holländischen Windmühlenbauern restauriert wurde, ist sie heute wieder in Betrieb. Von April bis Oktober kann man dieses kulturhistorische Denkmal besichtigen und auf einzigartige Weise längst vergangene Technik erleben.
Unweit der Windmühle befindet sich der Kalvarienberg, dessen Sandsteinskulpturen in den Jahren 1727-1737 errichtet wurden und der Werkstatt von Jakob Seer entstammen. Die denkmalgeschützte Anlage besteht nicht aus den üblichen Kreuzwegstationen, sondern folgt nach dem Abschied Jesu von seiner Mutter Maria einem Programm, das von den Geheimnissen des schmerzhaften Rosenkranzes abgeleitet ist.
Herr und Frau Wanderlich ließen sowohl die Stimmung als auch die schöne Aussicht auf sich wirken, bevor sie sich wieder auf den Rückweg machten. In einiger Entfernung konnten sie nämlich auch ihr Quartier mit dem Unendlichpool auf dem Dach erspähen, den sie unbedingt noch ausprobieren wollten.
Sie wählten einen kleinen Fußweg über die Kümmerlkapelle, die 1896 von Heinrich und seinem Bruder Paulus Maschek, beide Priester, gestiftet und vom Baumeister Christian Lehninger errichtet wurde. Retz als Weinstadt mit Jahrhunderte alter Geschichte ist Dreh- und Angelpunkt der Region.
Sie verzaubert mit ihrem charmanten Hauptplatz, den beeindruckenden Gebäuden und mittelalterlichen Stadtmauern, hinter denen die malerische Weite des Weinviertels beginnt. Und das Besondere ist, dass die ganze Stadt unterkellert ist: ein weit verzweigtes Labyrinth, drei Geschosse tief in den Sand gegraben, wobei das Netzwerk der Kellerröhren dichter ist als das oberirdische Straßenverkehrsnetz.
Herr und Frau Wanderlich waren rundum zufrieden mit ihrem Ausflug und haben beschlossen alsbald wiederzukommen. Und das nächste Mal wollen sie auch das unterirdische Retz erkunden. Nicht nur für WeinliebhaberInnen ein besonderer Ort zum Wohlfühlen!
Text- und Bildschmiede:
Herr und Frau Wanderlich. Ohne deren ausdrückliche Genehmigung keine Vervielfältigungen oder jegliche Nutzung privater oder kommerzieller Natur erlaubt. Siehe auch Impressum.
|
|
|




















































































